Feminine Flows - Schweizer Rapperinnen
im Fokus

Tauche ein in die faszinierende Welt der weiblichen Kunstszene in der Schweiz. Bei Feminine Flows werden dir spannende Einblicke in die kreative Landschaft der Schweizer Musikbranche geboten. Künstlerinnen und Musikexpertinnen teilen ihre einzigartigen Erfahrungen und Perspektiven.

Ein Bachelorprojekt
über Female
Voices

„Wie hat sich die Selbstinszenierung von weiblichen Hip-Hop-Künstlerinnen in den letzten 10 Jahre verändert?“

Wie steht die "Bubble" zu diesem Thema?

In einer Reihe von Interviews unterhalte ich mich mit jungen Talenten aus der Schweizer Rap-Szene, die ihre Perspektiven zu diesem Thema teilen.

SGB Bricks

„Ich habe gelernt, dass man auch in baggy clothes sexy sein kann. Das war eine grosse Veränderung für mich. Bei ‚Geeked up‘ habe ich angefangen, mich mehr zu zeigen und Spass daran zu haben.“

Sirah Nying

„Es geht darum, sich selbst treu zu bleiben und sich je nach ‚mood‘ zu präsentieren. Ich glaube, dass die Zukunft in einer flüssigeren Darstellung von Geschlecht und Identität liegt.“

ZZ Amparo

„Es ist wichtig, dass es eine Ausgeglichenheit gibt, zwischen ‚I’m the baddest bitch‘ und echter Verletzlichkeit. Es wird immer eine Balance zwischen Selbstbewusstsein und Authentizität gebraucht.“

Meet the Bubble

Let me introduce the Bubble! Wer sind die Menschen, die sich in dieser Bubble bewegen? 

History

Women in Early Hip-Hop @Getty Images

Female Hip-Hop

Güler Saied (2012) beschreibt in ihrem Buch «Rap in Deutschland – Musik als Interaktionsmedium zwischen Partykultur und urbanen Anerkennungskämpfen» die wenig hinterfragte These, dass Hip-Hop eine Männerdomäne sei. Auf diese Aussage trifft man immer wieder, wenn man sich mit der Rolle der Frauen im Hip-Hop beschäftigt. Sie verdeutlicht, dass, wenn man die Thematik aus dieser Perspektive angeht, die Frauen und ihr Wirken in der Szene reduziert werden. Denn es gibt unzählige Frauen, die die Kultur selbständig geprägt haben.

Einige davon, die seit Beginn des Hip- Hops eine wichtige Rolle einnahmen, waren Queen Latifah und Roxanne Shante sowie Salt-N-Pepa und MC Lyte. Auch die Female MCs hatten kommerziellen Erfolg, nur waren sie quantitativ gemessen in der Minderheit. Zeitgleich waren sie es, die in den USA die Identitäten von afroamerikanischen sowie schwarzen Frauen neu definierten.

Auch wenn es eine Menge an Hip-Hop-Netzwerken gab, in denen sich internationale Künstlerinnen untereinander vernetzten, wird der Mythos des Hip-Hops aus männlicher Perspektive erzählt. Trotz vielen Sprayerinnen, Female Rapperinnen, B-Girls und Djanes gilt Hip-Hop als Kultur der Männer und wird als solche gesehen und akzeptiert.

Wenn Frauen in Rap-Videos von männlichen MCs auftraten, wurden diese gezielt eingesetzt, um das Werk sexistisch auszuschmücken. So wurde eine sehr facettenreiche Szene in einem falschen Bild vermittelt. Die Bezeichnung Female MC ist eigentlich bereits unterschwellig definiert. Güler Saied (2012) erklärt in ihrem Buch passend: «Das Etikett „female MC“ wird dazu benutzt, Frauen als MCs in einen marginalen Raum zu verweisen. Während beispielsweise B-Boy und B-Girl nebeneinander als gleichberechtigte Termini existieren, um die Tänzer des HipHop zu benennen, so gilt Rap von vornherein als männlich kodiertes Terrain. Männer sind MCs, während Frauen an erster Stelle als „female MCs“ im Geschlechterkontext kategorisiert werden. Damit werden Machtstrukturen, die männlich dominiert sind, aufrechterhalten.» Weiter erklärt Güler Saied (2012), dass nicht alle Männer die Frauen als «Austausch-Ware» schubladisieren und sie auf die Körperlichkeit oder Sexualität reduzieren. Es gab durchaus Crews, die gleichberechtigt zusammen mit Frauen rappten. Bekannte Beispiele dafür waren die «Fugees» und „Arrested Development“. Die «Fugees» mit Lauryn Hill werden in wissenschaftlichen Fokussierungen des Hip-Hops so gut wie nie thematisiert. Somit ist sie eine wichtige Protagonistin in diesem Kontext.

Die Geschichte der Entstehung des Hip-Hops, die nach wie vor auf männliche Rapper zugeschnitten wird, ist also nur ein Teil der Realität. Weibliche Rap-Lyrics fördern den Austausch mit ihren männlichen Rap-Kollegen. Sie thematisieren nicht nur das Bild der schwarzen Frau, sondern bringen eine Bandbreite an Inhalten mit sich, während männliche Lyrics und Videos oft nur zwei Hauptkonzepte mit sich bringen: das der «Bitch» und der «Mutter».

Weibliche Rapperinnen erweitern diese Darstellung und schaffen sich so ihren eigenen Raum. In diesem können sie sich selbstbestimmt in Bezug auf ihre Sichtweisen, Rolle als Frau und Sexualität ausdrücken. «Dabei spielen sie die Hauptrolle und dienen nicht wie in den Videos ihrer männlichen Kollegen als Background-Tänzerin, die entweder erotisch im Swimmingpool, auf einem Auto oder am Körper des Rappers inszeniert wird. Die Inszenierung inmitten als Status-Symbol geltender Objekte suggeriert ein Frauenbild, das auf Abhängigkeit, Ausbeutung und Reduzierung auf Sexualität aufgebaut ist. Gleichzeitig wird die Frau selbst zum Statussymbol beziehungsweise zum Objekt» (Güler Saied, 2012).

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Nura und Shirin David @Picture Alliance

Female Hip-Hop in Deutschland

Braune (2022) notierte Folgendes über Female Rap in Deutschland: Vorreiterinnen im weiblichen Deutschrap waren Peace NT oder Cora E (1980/1990er Jahre). In den späten 1990er/2000er machten sich weitere Female MCs in der lokalen Szene einen Namen, zum Beispiel Sabrina Setlur, Tic Tac Toe, Pyranja, Fiva MC, Kitty Kat oder Lady Bitch Ray. Jedoch war ihr kommerzieller Erfolg bei weitem nicht auf gleicher Höhe mit ihren männlichen Kollegen. Auf Unterstützung oder Respekt aus der männlichen Hip-Hop- Szene konnten sie nicht zählen.

Die mediale Aufmerksamkeit fiel bei ihnen eher gering aus. Die einzige weibliche Ausreisserin war Gangsta-Rapperin Schwester Ewa, welche ab den frühen 2010er Jahren grossen kommerziellen Erfolg feierte. Sie rappt über ihre Vergangenheit als Sexarbeiterin und das Leben im Rotlichtmilieu.

In den frühen 2000er und frühen 2010er Jahren herrschten in der Hip-Hop-Szene nach wie vor hauptsächlich Rollenbilder wie das der «Hure» oder der «Heiligen» vor. Bekannte Szenen-Protagonisten wie Bushido, Sido, Fler, Kool Savas tragen mit ihrer Gangsta-Rap-Attitüde in ihren Videos und Texten dazu bei, Frauen zu objektifizieren und herabzusetzen.

Braune schreibt hierzu: «Frauen dien(t)en entweder als Projektionsfläche für die patriarchal geprägten Sex- und/oder Gewaltfantasien dieser Rapper, mittels derer sie ihre eigene (männliche) Dominanz und Macht zu untermauern versuch(t)en, oder sie wurden/werden in ihrer passiven, verstummten Rolle der Mutterfigur als ‚Heilige‘ verehrt und romantisiert in den Rap- Lyrics adressiert» (Braune, 2022).

Viel mehr Entfaltungsmöglichkeiten im kommerziell produzierten und vermarkteten deutschsprachigen Rap wurden den Künstlerinnen nicht vergönnt. Dies veränderte sich in den letzten 10 Jahren ein wenig. Es ist zunehmend zu beobachten, dass weibliche MCs im deutschsprachigen Raum sichtbarer werden. Sie repräsentieren dabei verschiedene Identitäten, einschliesslich queerer Identitäten, innerhalb der Szene. Diese positive Entwicklung war längst überfällig – jedoch wird sie häufig durch eine oberflächliche und fälschliche Wahrnehmung der Künstlerinnen, ihrer Musik und ihrer Auftritte beeinträchtigt. Diesen Rapperinnen wird in Medien und Diskussionen oft eine Art Kritik entgegengebracht, die eher moralisierend und belehrend ist. Die Kritik betrachtet das Schaffen der Frauen aus einer meist patriarchalen Perspektive (Braune, 2022).

Viele deutsche Rapperinnen lassen sich das jedoch nicht mehr bieten. Sie wollen sich selbstbestimmt und unabhängig von ihren männlichen Kollegen in der Szene entfalten. Daher tragen diese Künstlerinnen (wie weibliche, amerikanische MCs) ihre Sexualität aggressiv zu Markte.

Shirin David macht sich zum Beispiel Elemente aus der Pornografie zunutze, demontiert jedoch dieses Bild gleichzeitig mit ihren scharfsinnigen Texten und ihrem Humor. Badmómzjay bekämpft maskulines Anspruchs- und Besitzdenken, indem sie in ihren Texten damit droht, den Typen auch mal die Freundin auszuspannen. Haiyti besingt feminines Liebesleid mit überdrehter Melancholie und tritt in ihren Videos als Gangstergirl auf. Sie alle repräsentieren eine offensive Idee von Emanzipation (Haas, 2023).

Eine Website zu dem Lehrprojekt

Carina Bernardi, 2024

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