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SGB Bricks: "Es geht darum, authentisch zu sein und sich wohlzufühlen."
Interviewer: Herzlich willkommen zu unserem heutigen Interview, Sara.
Sara: Danke vielmals, dass ich hier sein darf.
Interviewer: Danke dir! Du weisst, um was es geht. Ich bin im Finish von meiner Bachelorarbeit. Mein Thema ist, wie sich die Selbstinszenierung von deutschen Rapperinnen in den letzten zehn Jahren verändert hat. Für mein praktisches Projekt möchte ich auch einen Blick auf die Schweiz werfen und schauen, wie sich das hier entwickelt hat. Du bist mitunseren lokalen Begebenheiten bestens vertraut. Vielleicht möchtest du dich selbst noch näher vorstellen.
Sara: Mein Name ist Sara und ich mache Hip-Hop, also Rap im urbanen Bereich, ein wenigalles. Mein Künstlername ist SGB und ich mache das auf Mundart seit zwei Jahren. Dementsprechend bin ich voll drin und weiss ein bisschen, was aktuell abgeht.
Interviewer: Du hast gerade gesagt, dass du seit zwei Jahren deine Musik auf Deutsch, respektive Mundart, machst. Wie war das vorher?
Sara: Zuerst habe ich immer alles auf Englisch gemacht, weil ich mich nicht mit dem Gedanken anfreunden konnte, auf Schweizerdeutsch (meiner Muttersprache) Musik zu machen. Erstens, weil es noch nicht viele Leute gab, die das gemacht haben, und zudem hatte ich es noch nicht richtig im Ohr. Bis ich dann bemerkt habe, dass man im Rap, wo man etwas erzählen will, einen breiteren Wortschatz benötigt. Ich bin dann auf Mundart umgestiegen(um mehr Variation reinzubringen), weil ich im Englischen oft die gleichen Wörter verwendet habe. Auf Schweizerdeutsch konnte ich das besser differenzieren.
Interviewer: Französisch wäre theoretisch auch eine Mundart für dich, oder?
Sara: Ja, aber nicht ganz. Ich bin mit meinen Kollegen auf Französisch aufgewachsen, bilingual, in Freiburg. Französisch ist für mich ähnlich wie Englisch – auch begrenzt. Im Schweizerdeutschen gibt es vielleicht 20 Adjektive, die dasselbe beschreiben, im Französischen oder Englischen habe ich nur fünf dafür.
Interviewer: Vorher hast du gesagt, es gab noch nicht so viele, die auf Mundart gerappt haben. Bezieht sich das mehr auf Männer oder Frauen? Hast du da einen Unterschied gesehen?
Sara: Grundsätzlich gab es sicher mehr Männer. Aber bei den Females, vor allem bei Gigi, Cachita und mir, haben wir bemerkt, dass es gar nicht so unangenehm ist, auf Schweizerdeutsch zu rappen. Wir haben gezeigt, dass es auch cool klingen kann. Natürlich ist das subjektiv.
Interviewer: Du hast finnische Wurzeln. Hast du das Gefühl, dass das auch einen Einfluss auf deine Musik hat?
Sara: Ja, von der familiären Geschichte her sicher. Meine Familie war sehr hip-hop-affin. Sie haben mir Wu-Tang gezeigt und Platten vorgespielt. Finnland hat auch eine coole Old-School-Rap-Szene, die ähnliche Entwicklungen durchgemacht hat wie die Schweiz. Sie haben das vor 20 Jahren gehabt, was wir jetzt erleben. Es ist motivierend zu sehen, dass die finnische Hip-Hop-Szene aufgekommen ist. Ich sehe viele Parallelen.
Interviewer: Du machst seit über fünf Jahren Musik. Wie haben sich dein Stil und deine Themen in dieser Zeit verändert?
Sara: Thematisch bin ich immer noch beim Kern der Wut. Das treibt meine Kunst an. Der Unterschied ist, dass ich gelernt habe, nicht direkt «reinzuschlagen», sondern besondere Stilmittel zu verwenden. Früher war meine Musik sehr trap-lastig und aggressiv. Jetzt mache ich lieber Hype-Partymusik, bei der die Leute auf Konzerten abgehen können. Das ist meine Vorstellung.
Interviewer: Wie hat sich deine Selbstinszenierung in deinen Musikvideos verändert?
Sara: Von den Elementen her sind sie alle recht ähnlich, mit typischen Hip-Hop-Klischees. Aber bei „Underground“ war ich noch schüchtern, während ich bei „Geeked up“ mehr aus mir herauskomme. Ich bin weniger der sexuelle Mensch, aber ich habe gelernt, dass man auch in baggy clothes sexy sein kann. Das war eine grosse Veränderung für mich. Bei „Geeked up“ habe ich angefangen, mich mehr zu zeigen und Spass daran zu haben. Es war wichtig für mich zu erkennen, dass ich auch auf meine eigene Art und Weise Sexappeal haben kann, ohne den typischen Crop-Top-Look.
Interviewer: Hast du das Gefühl, dass es auch mit der Sicherheit vor der Kamera zu tun hat?
Sara: Ja, absolut. Ich habe gelernt, was ich verkörpern möchte. Am Anfang war ich unsicher, aber jetzt weiss ich, dass ich der Boss sein kann, der auch Sexappeal hat, aber auf meine eigene Art. Es ist nicht mehr nur darum gegangen, meinen eigenen Stil zu finden und auszudrücken.
Interviewer: Was ist mit Live-Auftritten, zum Beispiel beim „Cypher“? Ist das anders als ein Musikvideo?
Sara: Ja, extrem. Beim „Cypher“ bin ich nervös wie bei einer Präsentation in der Schule. Man muss auf viele Dinge achten, die Kamera, die Gestik. Es ist schwieriger, sich selbst zu transportieren, weil der Stress so gross ist. Man hat nur eine Chance und muss alles perfekt machen. Es ist eine enorme Herausforderung unter diesem Druck eine starke Performance abzuliefern.
Interviewer: Schaust du dir alte „Cypher“-Auftritte an?
Sara: Nein, gar nicht gerne. Den ersten finde ich katastrophal, lyrisch und von meinem Auftreten her. Beim zweiten war ich zufriedener, aber es ist immer noch nerven–aufreibend. Dieses Jahr möchte ich mehr an meiner Stimmbildung arbeiten und variieren, um mehr Dynamik hineinzubringen.
Interviewer: Du hast viele Features mit anderen Künstlern gemacht. Wie ist das, wenn du in deren Musikvideos auftauchst?
Sara: Bei Features bin ich meistens Gast und habe nicht die Kontrolle über die Regie. Ich komme aus der Filmbranche und habe viele Ideen für meine eigenen Videos, aber bei Features setze ich um, was der andere möchte. Manchmal ist es schwierig die Kontrolle abzugeben, aber es ist auch interessant andere Perspektiven zu sehen und umzusetzen.
Interviewer: Wie siehst du die Selbstinszenierung in der Zukunft? Welche Trends erwartest du?
Sara: Ich denke, dass es weiterhin extreme Ausdrücke von Selbstinszenierung geben wird. Früher hatten Rapperinnen extra Frauen engagiert, die an der Stripstange tanzten, jetzt sind sie es selbst. Das zeigt, wie viel selbstbewusster und offener Frauen in der Szene geworden sind. Aber ich glaube, dass es vielleicht bald eine Gegenbewegung geben wird. Alles ist momentan sehr perfekt inszeniert und es könnte sein, dass die Menschen sich nach mehr Authentizität sehnen. Vielleicht sehen wir bald eine Rückkehr zu mehr Echtheit und Unvollkommenheit.
Interviewer: Was sind deine Wünsche, Ziele und Projekte für die Zukunft?
Sara: Ich möchte weiter Musik machen und mehr Anerkennung für Schweizer Hip-Hop erreichen. Ich wünsche mir mehr Respekt von der deutschen Szene. Persönlich möchte ich einfach weitermachen und vielleicht mehr Kulturförderung in der Schweiz erhalten. Es ist wichtig, dass die Leute offener werden und die Vielfalt der Musikszene schätzen.
Interviewer: Gibt es noch etwas, das du hinzufügen möchtest?
Sara: Ja, ich möchte den Frauen Mut machen, dass sie sich nicht zu «Sex-Sells» gezwungen fühlen müssen. Es geht darum, authentisch zu sein und sich wohlzufühlen. Jeder kann auf seine eigene Art stark und sexy sein. Ich glaube, dass Authentizität und Selbstbewusstsein die Schlüssel sind. Wenn man sich selbst treu bleibt, wird man sein Publikum erreichen.
Interviewer: Vielen Dank für das Gespräch!
Sara: Danke dir und viel Erfolg bei deiner Bachelorarbeit!
Sirah: Female Rap ist nicht mehr ein Nischen-Genre, sondern ein zentraler Bestandteil des Hip-Hops.
Interviewer: Herzlich willkommen und vielen lieben Dank, dass du dir die Zeit nimmst, mit mir über mein Bachelor-Projekt zu sprechen.
Sirah: Mega gerne!
Interviewer: Ich möchte heute über die Selbstinszenierung von female Rapperinnen in Deutschland und der Schweiz sprechen. Zuerst würde ich aber gerne mehr über dich erfahren. Wie hast du den Kontakt zur Musikszene und zur Medienbranche gefunden?
Sirah: Musik war schon immer ein wichtiger Teil in meinem Leben. Bei mir zuhause lief immer Musik – meine Mama hörte viel Dance Hall, Reggae und Hip-Hop. Ich habe mich schon immer für Musik interessiert. Nach meinem KV-Abschluss habe ich ein Jahr bei einer Filmproduktionsfirma gearbeitet und gemerkt, dass mir Dreharbeiten und Organisation grossen Spass machen. Danach habe ich an der ZHdK Cast studiert. Während des Studiums habe ich angefangen zu moderieren und aufzulegen. Alles geschah vor 2-3 Jahren gleichzeitig. Jetzt arbeite ich seit zwei Jahren offiziell beim SRF, vorher habe ich freiberuflich gearbeitet.
Interviewer: In meinen Recherchen habe ich gesehen, dass du auch bei Snipes gearbeitet hast und als Fotografin tätig warst. Was hat dich motiviert, diese Schritte in deiner Job-Laufbahn zu unternehmen?
Sirah: Snipes war ein Studienjob, den ich flexibel am Wochenende machen konnte. Der Wechsel in die Medienbranche kam durch mein Studium, welches mir Zugang und Connections ermöglicht hat. Mein erster Kontakt zum SRF kam durch meine Arbeit als bei „Bounce“ und „Me Myself and Why“.
Interviewer: Hast du vor deiner Arbeit bei „Bounce“ und „Me Myself and Why“ schon andere Formate moderiert?
Sirah: Nein, das kam überraschend. Eine Freundin hat mir die Stelle geschickt, und ich habe mich beworben, obwohl ich nie zuvor moderiert hatte. Ich konnte den Job ergattern und bin direkt ins kalte Wasser geworfen worden. Es war eine intensive Zeit.
Interviewer: Was sind deine Highlights und Herausforderungen bei „Enter the Circle“ und SRF Bounce?
Sirah: Die erste Staffel von „Enter the Circle“ war eine riesige Herausforderung, weil das Format in dieser Art noch nicht existierte. Wir sind nach Berlin gereist und haben vor Ort gedreht. Ich war tief in meiner Bachelorarbeit und es war eine crazy Zeit. Eine knifflige Aufgabe war, alles zeitlich zu managen und unter Druck zu arbeiten. Ich musste irgendwann auch eine Pause von der Arbeit nehmen, weil es mir mental nicht so gut ging, aber jetzt bin ich nachsichtiger mit mir selbst und gebe sehr viel Wert auf meine Gesundheit. Manchmal ist es komisch, wenn Leute mich erkennen und viel über mich wissen, während ich sie nicht kenne. Ich freue mich immer sehr, wenn Leute auf mich zukommen und sagen, dass sie unterstützen, was ich mache. Als Moderatorin repräsentierst du etwas und musst immer „on“ sein, aber es ist wichtig zu verstehen, dass die Moderatorin Sirah «nur» eine Version von mir ist.
Interviewer: Siehst du Ähnlichkeiten zwischen deinen verschiedenen Aufgaben als Moderatorin, Redakteurin und Fotografin?
Sirah: Die Jobs sind unterschiedlich, aber meine Erfahrung in den verschiedenen Bereichen helfen mir, Empathie zu entwickeln und Dinge aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu sehen. Ich sehe mich als Allrounder und kann überall ein bisschen aushelfen.
Interviewer: Ich glaube, das ist auch etwas, was viele Leute über mein Studium (das Multimedia Production Studium) denken – man kann irgendwie alles ein bisschen und irgendwie auch nichts.
Sirah: Das ist bei uns genau das gleiche bei Cast. Aber es ist nice, weil man überall mithelfen kann und dadurch einen Mehrwert hat. Vor allem in der jetzigen Zeit, in der sich Jobs so schnell ändern, ist es von Vorteil vielseitig zu sein, um sich schnell anpassen zu können.
Interviewer: Wie nimmst du dich als Frau in der Hip-Hop/ Medien Branche wahr, die traditionell von Männern dominiert wird?
Sirah: Ich habe nicht das Gefühl, dass es als Frau schwieriger ist, aber der soziale Druck ist höher. Ich weiss, dass ich die gleiche Berechtigung habe, hier zu sein und dass ich Fehler machen darf, aber wenn man den Spot in der Branche hat, möchte man auch abliefern. Die Kritik an Frauen im öffentlichen Raum ist oft grösser, aber ich versuche mir nicht zu viele Gedanken darüber zu machen.
Interviewer: Dann würde ich jetzt gerne noch etwas tiefer in meine Hauptfrage der Bachelor-Thesis eintauchen, nämlich die Selbstinszenierung und wie sich female Rapperinnen in den letzten zehn Jahren in Bezug auf dieses Thema verändert haben. Was hast du dazu beobachtet?
Sirah: Ich glaube, es ist mega cool zu sehen, dass female Rapperinnen in der Schweiz an viel mehr Selbstbewusstsein gewonnen haben. In den letzten paar Jahren sind immer mehr Frauen in die Szene gekommen, weil es unter anderem immer mehr Vorbilder gibt. Rap ist ein hartes Pflaster, und man muss mit viel Selbstbewusstsein «reinsteppen». Eine neue Generation wie Cachita, SGB und Gigi macht das mit einer Selbstverständlichkeit, die ich sehr bewundere. Ich selbst könnte niemals Rappen. Ich moderiere sehr gerne und schätze die Art von aussen.
Interviewer: Woher kommt dieser Confidence-Boost deiner Meinung nach?
Sirah: Ja, das liegt fix daran, dass es mehr Vorbilder gibt. Bei „Enter the Circle“ haben wir gesehen, dass es immer darauf hinausläuft: Wenn du mehr Vorbilder hast, bist du inspiriert selbst etwas zu machen, weil du die Möglichkeiten für dich selbst siehst. Sichtbarkeit ist ein mega wichtiges Thema. Man sieht es auch auf dem amerikanischen Markt – eine Megan Thee Stallion, eine Doja Cat, eine Ice Spice oder eine Sexyy Red ziehen momentan sehr. Sie dominieren die Charts teilweise mehr als die Männer. Das inspiriert junge Frauen hierzulande. Ich erinnere mich daran, wie es für mich war, als ich das erste Mal Rihanna gesehen habe – eine Frau, die Mix ist und extrem selbstsicher. Das hat mir eine ganz neue Welt eröffnet. Wenn du so etwas schon in jungen Jahren siehst, ist das sehr wertvoll und wichtig. Female Rap ist einfach viel grösser geworden und ist jetzt im Mainstream angekommen. Es ist nicht mehr ein Nischen-Genre, sondern ein zentraler Bestandteil des Hip-Hops.
Interviewer: In meiner Analyse habe ich eine These entwickelt: Früher haben Frauen in der männerdominierten Szene versucht, männliche Attribute zu übernehmen. Heute sehe ich einen Trend zur Hyper-Feminität. Würdest du das unterschreiben?
Sirah: Ja, das würde ich unterschreiben. Früher haben viele Frauen versucht, männliche Attribute zu übernehmen, um in der männerdominierten Szene akzeptiert zu werden. Heute sehe ich eine viel stärkere Eigeninterpretation und mehr Selbstbewusstsein bei female Rapperinnen. Sie nutzen ihre feminine Seite und präsentieren sich auf ihre eigene Art und Weise. Ein gutes Beispiel ist das Wort „Bitch“, das wir in „Enter the Circle“ diskutiert haben. Es geht darum, negative Begriffe zurückzuerobern und für sich selbst zu nutzen, um daraus Stärke zu ziehen. Es ist nicht mehr eine Imitation von Männlichkeit, sondern eine selbstbewusste Darstellung von Femininität, die genauso stark und einflussreich ist.
Interviewer: Wie siehst du die Sichtbarkeit von weiblichen Künstlerinnen in der Schweiz?
Sirah: Es gibt noch viel zu tun. Formate wie „Enter the Circle“ haben viel bewirkt, aber wir sind noch nicht am Ziel. Es ist wichtig, dass female Artists nicht nur als Besonderheit gesehen werden, sondern ein selbstverständlicher Teil der Szene sind. Die Entwicklung im „Cypher“ zeigt positive Veränderungen, aber der Weg ist noch lang. Wir hatten in den letzten Jahren beim „Cypher“ einen deutlichen Anstieg an weiblichen Teilnehmerinnen. Letztes Jahr waren etwa 20 Frauen dabei, was ein grosser Fortschritt ist. Die Energie im Raum verändert sich, wenn Frauen rappen, und es zieht mehr Leute an. Aber die Arbeit ist definitiv noch nicht abgeschlossen. Sexismus ist immer noch ein Problem und wir müssen weiterhin daran arbeiten.
Interviewer: Hast du das Gefühl, dass ihr mit euren Formaten die Wahrnehmung weiblicher Künstlerinnen verändert habt?
Sirah: Ich hoffe es. Es ist schwer zu beurteilen, weil ich zu nahe dran bin. Aber die Zahlen zeigen, dass „Bounce“ durch „Enter the Circle“ mehr junge Frauen erreicht hat. Es geht darum, beide Seiten – männliche und weibliche Zuschauer – für talentierte Flinta-Artists zu begeistern. Ich habe anfangs mehr Angst vor «Hate» gehabt, aber die Reaktionen auf das Format waren überwiegend positiv. Wir haben gesehen, dass unser Format junge Frauen erreicht und ihnen zeigt, dass auch für sie Platz in der Szene ist. Wir wären nichts ohne die Künstlerinnen. Wir können ihnen nur eine Plattform bieten, aber die eigentliche Arbeit leisten sie selbst. Sie überzeugen auf Festivals und vor Publikum. Es ist schön, ihnen eine Plattform bieten zu können, aber sie würden es auch ohne uns schaffen.
Interviewer: Was denkst du, welche Trends könnten sich in Zukunft bei der Selbst-inszenierung entwickeln?
Sirah: Trends wechseln oft zwischen Extremen. Nach der Hyper-Feminität könnte eine Phase der Hyper-Maskulinität folgen. Ich sehe auch eine Tendenz zur Androgynität, da Gendernormen mehr aufgebrochen werden. Menschen werden offener und «chilliger» in ihrer Selbstinszenierung. Es geht darum, sich selbst treu zu bleiben und sich je nach «mood» zu präsentieren. Ich glaube, dass die Zukunft in einer fliessenderen Darstellung von Geschlecht und Identität liegt. Leute werden sich weniger an strenge Normen halten und mehr darauf achten, wie sie sich fühlen und wie sie sich ausdrücken möchten.
Interviewer: Welche Ziele und Projekte hast du für die Zukunft?
Sirah: Ich möchte mehr moderieren und auch eigene Formate produzieren. Ein neues Projekt als Produzentin ist bereits in Arbeit. Ich freue mich auf neue Herausforderungen und coole Projekte mit talentierten Künstler:innen. Ich möchte auch weiter in verschiedenen Bereichen arbeiten und mich ausprobieren. Artsy Shit machen – das ist mein Ding.
Interviewer: Gibt es noch etwas, das du hinzufügen möchtest?
Sirah: Ja, ich finde, wir sollten uns selbst mehr Anerkennung geben. Es gibt viele talentierte Musiker:innen in der Schweiz, und wir dürfen uns selbst ein bisschen mehr lieben und «appreciaten».
Interviewer: Vielen Dank für das Gespräch!
Sirah: Danke dir!
ZZ Amparo: "Es zeigt, dass Musik dazu da ist, über Probleme und Ängste zu reden."
Interviewer: Hallo und herzlich willkommen zu unserem Interview für meine Bachelorarbeit „Feminin Flows“.
ZZ Amparo: Feminin Flows!
Interviewer: Merci vielmals, dass du dir Zeit genommen hast, mich zu treffen und meine Fragen zu beantworten.
ZZ Amparo: Danke für die Einladung.
Interviewer: Wir sind hier in der City Zürichs, gerade um die Ecke, wo Yezz wohnt. Das ist übrigens ZZ Amparo, wie man sie kennt und nennt. Zuerst möchte ich gerne etwas von dir wissen: Wie bist du zur Musik gekommen? Wie bist du in die Schweizer Rap-Szene geraten und was hat dich motiviert?
ZZ Amparo: Allright, wie ich zur Musik gekommen bin liegt auf der Hand: mein Vater ist Musiklehrer. Er hat Klassik und Jazz studiert, weshalb mein Spitzname auch Yezz geworden ist. Durch ihn hatte ich immer Influence/Inspiration von der Musik. Auf der Seite meines Vaters spielen eigentlich alle in der Familie ein Instrument – wir haben sechs Gitarristen, Geige, Cello – wirklich viele Instrumente. Auf der Seite meiner Mutter, die aus Brasilien kommt, gibt es viel Rhythmus und Tanz. Mit Musik war ich also immer in Kontakt. In die Schweizer Szene bin ich tatsächlich durch den Cypher reingekommen. Damals wurde ich von Mira, der Freundin der Exfreundin von Pablo, eingeladen. Dann kam „Battle Mansion“ und so hat alles angefangen.
Interviewer: Du bist dementsprechend schon sehr lange im Game. Wie lange machst du schon Musik, so offiziell?
ZZ Amparo: Offiziell mache ich Musik, seit ich zehn bin. Mit zehn Jahren habe ich begonnen Lieder zu schreiben, mit Gitarre und Lyrics, und auch Schülerkonzerte gemacht. Mit 16 habe ich dann richtig angefangen zu rappen, auf Englisch.
Interviewer: Englisch ist auch ein Thema, das ich anschneiden wollte. Wie fühlst du dich, in der Schweizer Rap-Szene auf Englisch zu rappen, während viele auf Mundart rappen?
ZZ Amparo: Es ist immer unterschiedlich. Ich habe nie mit dem Ziel gerappt, nur in der Schweiz bekannt zu sein. Ich habe immer über die Grenzen hinaus gedacht. Meine Familie ist teilweise in Brasilien und Schweden, und ich wollte, dass die Leute mich verstehen. Wir sind ein kleines Land mit vier Sprachen. Es wäre unfair, nur auf Schweizerdeutsch zu rappen, da Leute aus Lausanne es nicht verstehen würden. Ausserdem habe ich immer nur Englisch gehört und Schweizer Rap erst mit 12 oder 13 entdeckt, hauptsächlich von Männern.
Vielleicht habe ich deshalb nie auf Schweizerdeutsch angefangen zu rappen. Ich habe es tausendmal probiert, aber es endet immer auf Englisch. Ich habe das Gefühl, dass ich mir mit zehn Jahren so viele Reime auf Englisch gemerkt habe, dass Schweizerdeutsch ein ganz anderer Flip wäre.
Interviewer: Wenn du die letzten Jahre deiner Musikkarriere anschaust, was hat sich in deinem Musikstil und deinen Themen verändert?
ZZ Amparo: Bei mir selbst eigentlich nicht viel, ausser meinem Musikgeschmack. Ich bin viel offener geworden für Lieder, die ich wirklich fühle. Früher habe ich hauptsächlich das aufgenommen, was meine Freunde gehört haben. Aber ich liebe Tame Impala, was meine Freunde damals zum Beispiel nicht so gefühlt haben. Durch solche Entdeckungen habe ich andere Genres für mich gefunden. Auch in der Szene sind die Leute experimenteller geworden. Eintöniges Zeug kann langweilig sein.
Interviewer: Vor dem Interview haben wir über deine Musikvideos gesprochen. Du hast zwei Musikvideos veröffentlicht, aber spielst an vielen Konzerten. Wie ist das für dich auf der Bühne?
ZZ Amparo: Crazy! Schon als Kind bin ich bei Hochzeiten auf die Bühne gegangen und habe getanzt sowie gesungen. Ich liebe Musikvideos, und deshalb habe ich noch kein eigenes herausgebracht, denn ich will, dass sie perfekt sind. Aber auf der Bühne fühle ich mich zu Hause. Ich bin ein Entertainer, egal ob durch Reden, Musik oder Rap.
Interviewer: Hast du das Gefühl, dass sich deine Art, wie du dich auf der Bühne präsentierst, in den letzten Jahren verändert hat?
ZZ Amparo: Nein, nicht wirklich. Die Nervosität bleibt immer, aber das ist gut so. Beyoncé hat mal gesagt, dass Nervosität zeigt, dass es dir wichtig ist. Ich werde nur nervös, weil ich will, dass alles richtig läuft. Ich habe auch schon Shows «versaut», besonders während Corona. Ich war in einem dunklen mental State of Mind und habe den Text vergessen, weil ich nicht geübt habe. Aber daraus habe ich gelernt.
Interviewer: Wie ist es bei Features oder wenn du als Gastkünstlerin bei jemand anderem auftrittst? Ist das eine andere Dynamik?
ZZ Amparo: Ja, absolut. Bei Features hast du weniger Druck, aber ich sehe es als Challenge, besser zu sein. Es motiviert mich, alles zu geben und das Lied noch krasser zu machen.
Interviewer: Bald hast du dein Auftritt am Openair Frauenfeld, Bist du nervös?
ZZ Amparo: Ja, es ist definitiv anders. Frauenfeld und ein Auftritt im Hallenstadion waren immer meine Hauptziele. Jetzt habe ich beides erreicht. In der dritten Klasse haben mich die Leute ausgelacht, als ich sagte, dass ich dort auftreten werde. Aber ich habe es manifestiert, und jetzt passiert es.
Manchmal trifft es mich vor dem Schlafen, aber sonst bin ich chill. Am Tag selbst wird es crazy, aber ich habe einen Trick (von der Managerin von Steff la Cheffe) gelernt, um mich vor meinem Auftritt zu beruhigen: tief in den Solarplexus schlagen und atmen.
Interviewer: Hast du schon Pläne, wie du deinen Auftritt gestalten möchtest?
ZZ Amparo: Der Vibe ist immer Spass. Wenn ich Spass auf der Bühne habe, steckt das die Leute an. Ich erzähle gerne Geschichten. Es ist interessant, Lieder zu sehen, die ich mit 16 geschrieben habe, und jetzt mit 26. Diese Entwicklung in 30 Minuten Auftritt zu packen, ist crazy.
Interviewer: Was denkst du, inwiefern hat sich die Selbstinszenierung von weiblichen Artists deiner Meinung nach verändert?
ZZ Amparo: Es gibt jetzt mehr female Artists, die 100% geben, was Performance und Outfits angeht. Das, was in den Charts ist, ist oft das Sexuelle, das Sexy, das „I don’t give a fuck“. Es gibt eine starke Selbstsexualisierung. Auf der einen Seite ist das gut, aber ich liebe auch poetischen Shit. Ich denke, dass es früher ähnlich war, aber die Sichtbarkeit für Frauen ist heute viel stärker. Frauen übernehmen jetzt mehr Kontrolle über ihre Darstellung und nutzen ihre Plattformen, um verschiedene Aspekte ihrer Persönlichkeit und Kunst auszudrücken.
Interviewer: Was erwartest du für die Zukunft? Welche Trends könnten entstehen?
ZZ Amparo: In den letzten Wochen habe ich gesehen, wie das Album „Brat“ von Charli XCX krass geboomt ist. Es ist eher Hyper-Pop, Club-Bangers. Ich denke, wir werden mehr solche Musik sehen, weil auch auf TikTok viel geredet wird, dass Club-Bangers fehlen. Die Leute, die Ende der 90er und Anfang der 2000er geboren wurden, sind mit MTV aufgewachsen. Wir hatten mit Justin Timberlake, die krassesten Bangers ever. Jetzt fehlt das ein bisschen. Es gibt ein Lore (When the background lore of a piece of media goes really deep) über Charli XCX, Lorde und Marina and the Diamonds, die 2013 die Tumblr-Queens waren. Charli hat ein Album mit Club-Bangers gedroppt, das den Ablauf eines Party-Girls beschreibt. Es gibt ein Lied namens „Girls So Confusing“, wo Charli anscheinend über Lorde singt, und ihre zerbrochene Freundschaft adressiert. Jetzt hat Charli das Lied erneut herausgebracht mit dem Feature von Lorde, wo dieses darauf antwortet. Es verdeutlicht, wie viele Freundschaften oder Beziehungen durch schlechte Kommunikation geendet haben. Es zeigt, dass Musik dazu da ist, über Probleme und Ängste zu reden. Ich denke, wir werden mehr von dieser Realness sehen. Es ist wichtig, dass es eine Ausgeglichenheit gibt, zwischen „I’m the baddest bitch“ und echter Verletzlichkeit.
Interviewer: Hast du das Gefühl, dass es tendenziell in Richtung Hyper-Pop und mehr Realitätsnähe geht?
ZZ Amparo: Absolut. Ich denke, eine gute Balance ist wichtig. Im Moment gibt es diese Balance noch nicht wirklich. Es ist oft vom einen Extrem ins andere geschlagen. Menschen konzentrieren sich oft nur auf eine Sache, obwohl es so viele Optionen gibt.
Interviewer: Was sind deine Ziele und Projekte für die Zukunft?
ZZ Amparo: Ich freue mich extrem auf die Zukunft. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen einmal auszuwandern. Musiktechnisch will ich auf jeden Fall mehr ausprobieren und experimentieren. Mein aktuelles Gefühl: ich habe jetzt fünf Jahre nichts mehr releast, weil ich immer alles richtig machen wollte. Das will ich ein wenig ablegen. Ich will mehr Spass haben, mehr F-U-N. Einfach machen, ohne zu viel nachzudenken. Wir sind alle so perfektionistisch mit allem. Instagram-Posts, Aussehen, Körper. Dabei werden wir irgendwann sterben und verfaulen.
Interviewer: Gibt es noch etwas, das du hinzufügen möchtest?
ZZ Amparo: Ja, manchmal müssen wir einfach mehr leben, sowie geniessen und uns nicht zu viele Sorgen machen.
Interviewer: Vielen Dank für deine ehrlichen Worte!
ZZ Amparo: Danke dir!
